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leicht entzündbare autos

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Dejavu in St. Pauli

Wir fuhren mit dem Zug. Ziemlich bald gesellte sich ein ziemlich verrückter Punk zu uns. Und so waren wir gut unterhalten bis zum Endbahnhof. Dort schrieb der Punk als erstes mit rosaroter Kreide „Hallo Satellit“ auf den Bahnhofsplatz um unsere Überwacher zu grüssen. Wir fuhren mit dem Bus zu einem der Protestcamps. Denn wir waren hier um gegen den Gipfel der Mächtigen zu protestieren. Wir glaubten, dass dies nötig war, denn politische Alternativen, echte Alternativen, ein grosses Umdenken, war unumgänglich angebracht, und wie der alte Benjamin schon gesagt hat, machst du keine Revolution, landest du im Faschismus schon.

Im Protestcamp angekommen, stellten wir unser Zelt auf. Der Punk hatte eine dieser Wärmefolie dabei, weil die auch gegen Strahlungen schützt. Das Camp war sehr bunt und es gab verschiedene Workshops die wir dann besuchten, und es fanden Gespräche über dies und das statt. Wasserversorgung in Angola, das Kiffergebirge da in Marokko, Schweizer Banken, das Problem der Geldansammlung. Das mag jetzt sein, das ich das im im Nachhinein idealisiere Ich bilde mir ein, da echt was gelernt zu haben, die Offenheit hatte mir imponiert. Dann begaben wir uns zur einer Versammlung an dem das Vorgehen am nächsten Tag besprochen werden sollte.

Ziel war es den Gipfel zu blockieren. Die Stimmung war von euphorisch bis gelangweilt und die Besprechung dauerte sehr lange. Für mich war das alles neu und aufregend. Es würde zwei Blöcke geben, einen Farbigen und einen Anthraziten um friedliche wie militanten Protestformen nicht gegeneinander auszuspielen. Ich wäre lieber zu den Farbigen, aber mein Kumpel wollte das nicht, und ich wollte kein Weichei sein. Wir würden um 5 Uhr in der Früh aufstehen und dann versuchen einen grossen Kreisel an einer Autobahnausfahrt zu blockieren. Der Abend war sehr lustig, wir spielten Djembe und Blockflöte und ich war zum ersten Mal in meine Leben froh Blockflötenunterricht genommen zu haben.

Es wurde eine sehr kurze Nacht auf unseren Matten. Jemand fiel auf unser Zelt und schlief danach ein. Wir gingen um 5:30 los und waren eine Gruppe von vielleicht 1000 Leuten viele schwarz gekleidet. Wir gingen zu besagtem Kreisel und fingen an Mülltonnen und allerhand Zeug auf die Strasse zu werfen. Einige hatten so gar eine Motorsäge dabei und fällten Bäume. Nach gut einer Stunde Arbeit, war die Kreuzung komplett zu und wir begannen zu warten. Nach einer weiteren Stunde wurde das zu langweilig und die Menge war auch mehr geworden und so zogen wir Richtung Stadtzentrum. Es dürfte inzwischen halb sieben gewesen sein. Polizei war nirgends zu sehen. Es wurde viel gesprüht und viele Autos demoliert. Wir räumten eine Tankestelle aus. Dann ein Supermarkt. Als jemand bei einer kleinen Bäckerei die Fensterscheiben einschlug, hielten andere ihn davon ab, der Schaden war da aber schon entstanden. Ich hatte mir einige Schachtel Zigaretten und Bier geschnappt. Ich machte nichts kaputt, sondern nur Fotos.

Wir kamen zu einem Luxushotel mit so einem klassichen Wintergarten, umgeben von einer grossen alten Steinmauer mit offenem Tor. Die Vordersten in der Truppe wollten gerade beginnen die Fensterscheiben zu entglasen, da kamen die Robocops, ready to go. Und zwar sehr viele und sehr schnell. Und sie schossen Tränengas. Es gab einen gewaltigen Knall, die Bullen hatten dummerweise das Tränengas gegen die Hotelmauer geballert und wurden nun total eingenebelt und mit Steinen eingedeckt. Als der Nebel sich lichtet, knallte es ein weiteres Mal heftig, und da stand ein Typ ganz vorne, während die Bullen wegrannten, und hielt seine Faust in den Himmel. Heldenmoment. Ein starkes Bild aber ich mit meiner Kamera viel zu langsam.

Ok wir waren da und man musste uns ernstnehmen. Alles beruhigte sich. Wir standen da denn so rum. Jemand warf gelangweilt einen Stein in den Wintergarten. Im Garten stand so ein Kellner mit schöner Uniform und schaute uns kritisch an. Langsam tauchten an einigen Strassenecken Bullen auf, weit entfernt, gut sichtbar. Und noch eine Strasse zu und noch eine Strasse zu. Und wir zogen weiter. In die eine Richtung. Kurz nach dem von uns zu erkennenden, völlig spontanen Manöver, kam sehr  schnell sehr viel Polizei und sicherte das Hotel. So ab der ersten Minute wos möglich war. Wir wurden kurz angegriffen und rannten alle einige hundert Meter, um uns dort neu zu formieren und zurückzuschlagen.

Aber die Polizei reagierte nicht. Blieb beim Hotel stehen. Wir gingen weiter in die andere Richtung. Es änderte sich nichts. Ein weiter Tankstelle lag auf dem Weg und auch der Laden einer Fastfoodkettte.. Wir tobten uns aus und man liess uns gewähren. Es wäre ein leichtes gewesen, das haben mir viele vorherige und nachherige Demos bestätigt, uns einzukesseln. Ich war voll auf Adrenalin. Wir fanden uns dann auf so einer Art Parkplatz wieder. Dachten darüber nach, wie wir hier hergekommen waren, und da war plötzlich der farbige Block. Das Vieh zusammengetrieben.

Viel Musik, viele Transparente. Sie gingen voraus wir hinten nach. Das ganze entwickelete sich zu einer lautstarken Demo von vielleicht 5000 Leuten durch die Stadt.

Nach ca. einer halben Stunde tauchte wieder die Polizei auf, wie aus dem Nichts. Diesmal Überall. Sie schossen sehr schnell mit Gummirschrott und Tränengas und drängten uns so auf eine grosse Strasse, die Stadtauswärts Richtung Camp führte. Dabei hetzte sie die Leute massiv, und manche wurden fast überrannt, und so war es nötig mit körperlichem Einsatz und Hilfsmitteln, die Polizei immer mal wieder etwas zurück zurückdrängen. Jeder Versuch friedlich abzuziehen, wurde unterbunden. Ich musste unweigerlich an meine Katze Janka denken, wenn sie spielen wollte.

Das Camp wurde dann umstellt. Wir bildeten in der Mitte eine grosse Gruppe und hielten uns fest. So wurde Reihe um Reihe jeder festgenommen. Manche haben sich extrem gewehrt. Ich jetzt nicht so. Ich hab es versucht, aber das tat erstaunlich schnell extrem weh. Wir kamen in eine Kastenwagen der für ein paar Stunden in die Sonne gestellt wurde, um uns dann in irgendeine Zivilschutzanlage gebracht zu werden.

Die Fotos hatte ich vorher vernichten müssen, solange ich noch Zeit dazu hatte. Ich fand das alles sehr unangenehm. Vor allem nicht zu wissen, was jetzt passieren würde mit uns. Zum Glück war einer der Zellenachbarin, eine hübsche Frau mit der ich mal gearbeitet hatte, und da mussten wir dann beide lachen und das half etwas, und die bösen Witze die wir über unsere Bewacher rissen. Einer wurde so argessiv davon, das man ihn austauschte. Er durfte mal Pause machen. Wir dumm nix verstehen Französisch. Nach nach ein paar Stunden wurden wir in einen Bus gesetzt und zum Camp zurück gebracht. Wir packten unsere Sachen und fuhren nach Hause.

Am nächsten Tag war die Zeitungen voll von Bildern von den Krawallen. Von dem breit gestreuten, super vielfältigen Protest stand nichts. Inhaltliche Kritik am Showdown der Grössten, war nicht zu finden. Ich dachte darüber nach wie lange es gedauerte hatte, nach dem Hotel, bei dem offensichtlich wurde, das viel Polizei da ist und diese auch einsatzbereit war, warum man uns nochmals solange hatte machen lassen. Warum man uns erst in in den farbigen friedlichen Protest hatte laufen lassen, bevor man eingriff. Ich kam mir extrem verarscht vor und hatte das Gefühl in eine mächtigen Falle getappt zu sein. Ich hab mich dann für ne Zeit aus dem ganzen Politik Zeugs rausgehalten. Es füllte sich an, als hätte ich meinen Instinkt verloren. Damals hab ich gelernt, was für eine verzwickte Sache das Gewaltmonopol sein kann. Und es für immer grundsätzlich in Frage zu stellen. Aber nicht symbolisch. Übrigens.

Das war 2003. Es ging gegen das G8 Treffen in Evian. Die sogenannte Antiglobaliserungsbewegung, welche sich in Wirklichkeit extrem viele, eben zu extrem viele Gedanken über das Globale gemacht hatte, und es sogar wagte, diese in organisatorische Prozesse zu überführen, war nach dem Schock von Genua schon wieder am ambeben und fiel erstaunlich leise in sich zusammen.

Das Ganze fand damals in Lausanne statt, Heute ist der 8. Juli 2017 und es war wieder ein Gipfeltreffen diesmal in Hamburg, es heisst inzwischen G20, nicht weniger autoritär gedacht wie früher.Die mediale Dramaturgie dieses Wochenendes, welches ich hier inzwischen aus dem tiefsten Tirol, wie der Früher einst, verfolge, also passiv wertend als Konsument, haben mich an jene Zeit denken lassen und mich in dem Pulk. Das ein paar brennende Autos im Verhältnis zu den Kriegen die diese Herrschaften zu führen glauben müssen, um weiter Autos herstellen zu können, nicht mal Salz auf den Peanuts sind, muss an dieser Stelle nicht erwähnt werden. Was da verhandelt wurde, von wem mit wem, ist viel weniger Teil der Berichterstattung als die Proteste dagegen.

Aber ich sehe den Fehler für diese Misere nicht im politischen Widerstand, den man links-extrem nennt. Auch nicht in seinen offensichtlichen, wenigstens einsehbaren Widersprüchen. Ein solchen globalen Gipfel in einer Weltstadt wie Hamburg stattfinden zu lassen, hätte nur Sinn gemacht, wenn man statt für die Sicherheit, das ganze Geld für Bürgerforen ausgegeben hätte, öffentliche Talkshows, kritischen Journalismus, bitte gerne mit viel Internet, wo dann all die Hassposter, sprechen dürfen, in der Sprache, die sie dann halt müssen, nicht nur der linken Kritker. Ja bitte treffts euch alle und redet, aber wir dürfen zu hören. Nicht immer ihr nur bei uns!

Das ist naiv, weil es so demokratische wäre. Weil es so idealistisch klingt. Aber mit diesem ständig wiederholten Satz von dem funktioniernden Konzept der liberalen Demokratie in einer für alle sich lohnenden Marktwirtschaft, müsste das doch möglich sein. Stattdessen hat man sich in dem ruinösen Prunkbau Elbphilamornie verkrochen, der mich persönlich immer etwas an den Elfenbeinturm aus der Ende Verfilmung die unendliche Geschichte erinnert.

Es ging nicht darum, was ist eure Strategie für Afrika, was machen wir mit dem Öl, und wieso, wer lebt hier auf die Kosten von wem, wie geht’s der Ukraine, Frau Merkel, Herr Putin, Herr Trump, setzen wir uns zusammen und reden mal über die Ukraine. Oder Syrien. Erdogan darf auch mitreden. Im Stadion von St. Pauli. 30000 Zuschauer wie bei einem Boxkampf. Was will jeder von ihnen weshalb, und wie versuchen sie es zu erreichen. Es hätte vielleicht wirklich weh getan oder stattgefunden. Und das will niemand.

Ich denke nicht, dass es war ein unbewusster Fehler war, diesen Gipfel mit all seinen autokratischen Teilnehmer in Hamburg stattfinden zu lassen, sondern im Gegenteil ein Zeichen der Macht setzte, sowohl innen- wie auch aussenpolitisch. Ohne uns herrscht das Chaos. Beziehungsweise, dass man dieses Zeichen, bestimmt ab diesem Zeitpunkt setzen wollte, wo ein sogenannter Widerstand, wirklich Wirkung entfaltet hätte, also vom Anfang der Proteste an. Ohne gewaltbereite Autonome jetzt zu überschätzen, ihre Militanz ist ja grad Ausdruck ihrer politischen Machtlosigkeit, ob sie das nun wollen oder nicht.

Wie kann die Frage, wie wie ein paar tausend  junge Erwachsene das Zerstören von Eigentum sich selbst gegen über rechtfertigen, soviel wichtiger sein, als jene Damen und Herren, welche sich da in Hamburg getroffen haben, und in einem viel grösseren Masse Struktur verändernd handeln, das aber anscheinend niemanden gegenüber mehr rechtfertigen müssen, weil es offensichtlich weder interessiert, (wohl eh zu kompliziert), noch man irgendwelche Zweifel an ihrer Redlichkeit haben dürfte. Die Alternativlosigkeit des Kapitalismus ist auch eine gute Ausrede für die Unfähigkeit unserer Führer Dinge in eine gute Richtung zu entwickeln. Und zwar für die ganze Erde. Denn nicht mal das scheint in den europäischen Zeitungsredaktion oder beim Bürger angekommen zu sein. So wie wir leben, ist vor allem ein grosses Problem für die Anderen, weniger für uns.

Stattdessen hat man eine Handgranate gesucht und gezündet, an der Naht der eigenen Widersprüche, um dann in aller Stille Hände zu schütteln und Geschäfte zu machen. So wie man es halt überall sonstwo auf der Welt auch macht. In der Gesellschaft des Spektakels ist Protest nur dann erlaubt, wenn er Eventcharakter hat, also katharisches Potential. Der Rest wird niedergehauen. Jetzt tu nicht so. Willst ja morgen auch Kaffee trinken, ne?

 

Nicht vergessen werden sollte zu diesem Thema, Protest gegenEvian 2003, jener Bergsteiger, der sich mit einem Freund über eine Autobahnbrücke spannen liess, um einen Gipfelautokonvoi aufzuhalten. Ein eifriger Schweizer Polizist hatte ihn losgeschnitten und mehr als 20 Meter in die Tiefe fallen lassen. Der Aktivst überlebte schwer verletzt. Er trug bleibende Schäden davon. Der Polizist wurde freigesprochen.

herr müller & herr meier 8 oder 9 (inkl. summerspecial !)

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erbeeren und chillen

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feuerbrennen

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